von Phine Petzold, stellv. Landesvorsitzende

Um 23 Uhr wird der Hund plötzlich nervös. Dumpf hört man das Zuschlagen einer Autotür, dann den Schlüssel am Eingang. Meine Mutter kommt vom Spätdienst aus der Klinik. Wir bleiben auf Abstand, grüßen uns mit Ellenbogencheck, setzen uns aufs Sofa, ich gieße uns einen Whiskey ein. Es ist der 24. März, das Robert Koch-Institut schätzt, die Corona-Epidemie in Deutschland sei erst am Anfang.

Meine Mama erzählt von der Arbeit. Heute drei Zugänge mit Corona-Verdacht, bisher zwei negativ getestet. Morgen werde sie auf ITS gehen, Intensivstation, da bräuchte es momentan erfahrene Schwestern. Meine Mutter gehört zur Risikogruppe, obwohl sie keine 50 ist: Vorerkrankung. Angst hat sie dennoch keine. An die ganz schweren Fälle würde sie einfach nicht rangehen, sagt sie.

Ich frage sie, was sie von den aktuellen Danksagungen von Politiker*innen, in sozialen Netzwerken und im Fernsehen hält.

Zwei ihrer Freundinnen haben ihr geschrieben, sagt sie. „Die haben sich einfach so gemeldet, um Danke zu sagen. Darüber habe ich mich sehr gefreut.“ Von den öffentlichen Lobeshymnen und dem Klatschen am Fenster hält sie hingegen nichts. Das sei doch nur ein Trend, leere Floskeln von denen, die sich vorher nicht für die Pflegenden und ihre Kämpfe interessiert hätten. Selbstdarstellung für das gute Gefühl – was hätten sie und ihre Kolleg*innen davon? „So viele Leute bleiben zuhause und können alles machen. Keller aufräumen, raus gehen, eine Sprache lernen oder ein neues Hobby ausprobieren – und kriegen trotzdem ihren Lohn fortgezahlt. Und dann beschweren sie sich, dass ihnen langweilig ist. Wir können das alles nicht, wir bleiben auf Arbeit. Für das bisschen Gehalt! Und wir bekommen nicht mal einen Zuschlag.“ Dann fügt sie hinzu: „Erst klatschen sie und sagen Danke, und dann rennen die alle wieder draußen rum. Das ist so unfair.“

Meine Mutter macht seit ich denken kann Überstunden, die sie sich nicht auszahlen lässt, weil es sich nicht lohnt. Die einzige Option, die keine ist: „abbummeln“, frei nehmen. Doch die Krankenhäuser sind zusammengespart bis zum geht-nicht-mehr, das Personal knapp, der Beruf nicht attraktiv genug für Auszubildende. Hinzu kommt, dass der Körper nach Jahrzehnten des Patient*innen-Hievens irgendwann nicht mehr mitmacht, auch so geht Personal verloren. Wenn es niemanden gibt, der einspringen kann, wenn man Überstunden abbauen will, dann bleibt man auf ihnen sitzen. Und die werden mit Corona nicht weniger.

Nach dem Frühdienst macht meine Mutter mittlerweile regelmäßig Mittagsschlaf. Um sich vorzubereiten, sagt sie. Kraft zu tanken für das, was noch auf sie zukommt. Dabei geht es nicht nur um die anstehende Krise. Denn für das Krankenhauspersonal wird die Mehrarbeit danach weitergehen: „Die Krankenhäuser schreiben momentan rote Zahlen. Es muss ja alles, was nicht akut ist, abgesagt werden. Das muss irgendwann wieder reingeholt werden, und das machen wir dann.“ Wenn das Land also irgendwann langsam zum Alltag zurückkehrt, wir uns wieder rantasten ans Rausgehen, an Friseur*innenbesuche, Gruppentreffen, Bars und Cafés, dann wird die Krise im Krankenhaus noch lange nicht überwunden sein.

Ich frage sie, was sie sich wünscht. Sie überlegt eine Weile, als wären die einfachen Antworten, die sie daraufhin gibt, viel abwegiger. „Dass wir auch Hilfe bekommen, wenn wir sie brauchen“, sagt sie zuerst. „Dass die Leute mitkommen, wenn wir das nächste Mal für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen. Und dass man uns nach Corona nicht wieder vergisst.“

Die Pflegenden – und nicht nur sie, auch viele andere systemrelevante Berufe – brauchen unsere Solidarität. Und die darf nicht (nur) aus Klatschen und Dankes-Tweets bestehen.
Wenn ihr Pflegende, Menschen im Einzelhandel oder in anderen systemrelevanten Berufen kennt, meldet euch persönlich bei ihnen, um Danke zu sagen oder zu fragen, wie es ihnen geht. Unterstützt sie jetzt im Umgang mit ihren schweren Jobs und in der Bewältigung der Aufgaben, die sie in ihrem Privatleben haben. Und helft ihnen, sobald es wieder möglich ist, in ihren Arbeitskämpfen, geht mit ihnen auf die Straßen und macht auf ihre Struggle aufmerksam.