von Till May­er, Mit­glied des Juso-Kreisvor­standes Weimar/Weimarer Land und Stu­dent der Urban­is­tik an der Bauhaus-Universität 

Ländliche Räume sind für mich in den let­zten Jahren eines der wichtig­sten The­men in der Lan­des- und Bun­de­spoli­tik, auch auf europäis­ch­er Ebene. Wie komme ich darauf? Ist es nicht viel wichtiger, sich mit Städten und großen Bal­lungsräu­men auseinan­derzuset­zen, wo leis­tungs­fähige Wirtschaft, Wis­sen und junge Men­schen gebün­delt zusam­men­tr­e­f­fen? Sind es nicht Berlin, Ham­burg und München (oder in Thürin­gen Erfurt, Weimar, Jena und Gera), denen unsere Aufmerk­samkeit gebühren sollte, um die Miet­preise auf ein akzept­a­bles Niveau zu brin­gen und die als Motoren für wirtschaftlich­es Wach­s­tum und inno­v­a­tive Forschung und Entwick­lung vor­ange­bracht wer­den sollten?

Wo ste­hen wir eigentlich?

Städte müssen von der Poli­tik immer betra­chtet wer­den, ja. Aber das wer­den sie bere­its ganz umfassend: Mit der Miet­preis­bremse (so träge sie auch sein mag) gibt es zum Beispiel den Ver­such eines ganz geziel­ten Instru­ments, um die Woh­nungsmärk­te abzukühlen. Was ich viel mehr meine ist: Die ländlichen Räume müssen genau die gle­iche Rolle in unser­er Poli­tik spie­len wie die Städte. Ganz beson­ders gilt das für uns in Thürin­gen, wo die meiste Fläche zu den ländlichen Gebi­eten zählt und auch ein Großteil der Bevölkerung in ländlichen Räu­men wohnt. Den­noch ste­hen wir momen­tan vor ein­er Sit­u­a­tion, die diese Räume in viel­er­lei Hin­sicht zu Ver­lier­ern der gesamt­ge­sellschaftlichen Verän­derun­gen macht. Die Neolib­er­al­isierung seit den Neun­ziger­jahren hat beson­ders die ländliche Bevölkerung durch den mas­siv­en Weg­fall von Ver­sorgungsmöglichkeit­en und öffentlich­er Verkehrsin­fra­struk­tur getrof­fen. Men­schen ziehen in die Städte, wo sich die Arbeit­splätze konzen­tri­eren, oder sie sind nach der friedlichen Rev­o­lu­tion ganz wegge­zo­gen. Große wirtschaftliche Betriebe fehlen meist oder sie nutzen die neuen Bun­deslän­der gezielt als „ver­längerte Werk­bank“, ohne dass gute Löhne, Gewinne und Investi­tio­nen vor Ort bleiben. Zivilge­sellschaftliche Akteur*innen leis­ten täglich wertvoll­ste Arbeit, aber den­noch spiegelt sich in Umfra­gen und Stu­di­en regelmäßig ein Bild wider, das die neuen Län­der als weniger demokratisch geprägt und mit struk­turell weniger stark ver­ankert­er Zivilge­sellschaft erscheinen lässt. [1] Beson­ders trifft dies struk­turschwache Regio­nen. Zu diesen Regio­nen kön­nen auch Städte gehören, keine Frage, aber es gibt nicht viele ländliche Räume in Thürin­gen, die nicht dazugehören.

Genau an diesem Punkt, an dieser Konzen­tra­tion von wirtschaftlichen und sozialen Prob­le­men bilden sich die Struk­tur­brüche ab, die die DDR-Ver­gan­gen­heit der neuen Län­der, in diesem Fall Thürin­gens, bis heute durch­scheinen lassen, auch wenn sie natür­lich nicht der einzige Grund für die aktuelle Lage sind. Wie gehen wir mit dieser schwieri­gen Sit­u­a­tion, diesem schein­baren Teufel­skreis von Schrump­fung und Weg­fall um? Und vor allem: Welche Rolle spielt dabei Wachstum?

Wach­s­tum als Motor für die Entwick­lung von Regionen?

Betra­cht­en wir die Prob­leme aus der Sicht des vorherrschen­den Wach­s­tums­denkens im glob­alen Kap­i­tal­is­mus, so wirkt die Lösung zumin­d­est the­o­retisch sim­pel: In ein­er Region entste­hen durch die Grün­dung und Ansied­lung von Unternehmen Arbeit­splätze, dadurch steigt der Kon­sum, die Unternehmen wach­sen, neue siedeln sich an, spezial­isieren sich vielle­icht auf bes­timmte Pro­duk­tion­s­güter oder Dien­stleis­tun­gen (Clus­ter) und es entste­ht wirtschaftlich­es Wach­s­tum im Sinne ein­er Steigerung des Brut­toin­land­spro­duk­ts. Momen­tan und vor allem in der jün­geren Ver­gan­gen­heit der let­zten dreißig Jahre kon­nten wir aber eher das Gegen­teil in vie­len Regio­nen Thürin­gens beobacht­en: Indus­triezweige sind im neuen Umfeld der glob­alen Märk­te nicht mehr konkur­ren­zfähig, erwirtschaften Ver­luste, es gehen Arbeit­splätze ver­loren, die Einkom­men, Steuere­in­nah­men und Kon­sumaus­gaben sinken. Eine Abwärtsspi­rale ent­stand, die sich teils bis heute dreht und zum Beispiel den schon ange­sproch­enen Weg­fall von Ange­boten der Daseinsvor­sorge zur Folge hat. Wirtschaftliche und soziale Entwick­lun­gen hän­gen somit direkt zusammen.

Oder gibt es noch mehr als Wachstum?

Wenn wir diese so unver­mei­d­bar erscheinende Entwick­lung aber kurz links liegen lassen, tun sich schnell neue Gedanken­spiel­räume auf: Die wirtschaftlich stärk­sten Regio­nen kön­nten zum Beispiel mehr von ihrem Wohl­stand in schwächere Lan­desteile fließen lassen, wie es mit der europäis­chen Kohä­sion­spoli­tik oder dem Län­der­fi­nan­zaus­gle­ich schon in Ansätzen geschieht. Oder wirtschaftlich­es Wach­s­tum ist plöt­zlich gar nicht mehr ober­stes Ziel, son­dern ein gutes Leben für alle in unser­er Gesellschaft. Ist es dann nicht möglich, auch in ländlichen Räu­men, um die es hier ja gehen soll, dieses soge­nan­nte Gemein­wohl zu schaf­fen? Kön­nten dann nicht die so schmer­zlich ver­mis­sten Ein­rich­tun­gen der Daseinsvor­sorge trotz der wenig aus­sicht­sre­ichen ökonomis­chen Sit­u­a­tion in vie­len Gebi­eten bere­it­gestellt werden?
Schnell stößt man bei diesen Über­legun­gen auf den Begriff des Post­wach­s­tum, um den sich nicht nur ein großer Diskurs in der Wis­senschaft über die ver­gan­genen Jahre zu ranken begonnen hat, son­dern auch poli­tis­che Bewe­gun­gen auf der ganzen Welt, die (alle unter­schiedlich aus­geprägt) unter Beze­ich­nun­gen wie Degrowth, Buen Vivir oder Sumak kawsay teils schon seit langer Zeit für ein solch­es Wirtschafts- und Gesellschaftsmod­ell arbeit­en. [2] Dabei ist wichtig, dass Post­wach­s­tum für mich nicht bedeutet, dass es kein Wach­s­tum mehr geben kann oder dass Schrump­fung eine run­dum gute Entwick­lung ist. Es ste­ht vielmehr für eine Art von Neuori­en­tierung unseres Wirtschaftssys­tems anhand glob­aler Entwick­lung­sprozesse. Eine Neuori­en­tierung, die ein­sieht, dass Wach­s­tum Gren­zen hat und sich räum­lich auf bes­timmte Gebi­ete fokussiert, sodass für die „Ver­lier­er“ dieser glob­alen Prozesse nicht mehr das Wach­s­tum vor­nan ste­hen muss, son­dern das Wohl der Bevölkerung. Dazu gehört auch ganz zen­tral die Erhitzung des Weltk­li­mas und unsere Antwort darauf. Wach­s­tum kann vielle­icht nach­haltiger sein als es jet­zt ist, aber die Aus­beu­tung des Plan­eten wird immer ein Teil von wirtschaftlichem Wach­s­tum sein.

Und was bringt das in Thüringen?

Das hört sich erst ein­mal alles sehr abstrakt an, aber es gibt auch hier in Thürin­gen ganz konkrete Pro­jek­te für gemein­wohlo­ri­en­tiertes Wirtschaften in ländlichen Räu­men, zum Beispiel den Genossen­schaft­sladen Kon­sum in Ball­städt. In Form ein­er Genossen­schaft haben sich hier viele der rund 700 Einwohner*innen und lokale Handw­erks­be­triebe zusam­mengeschlossen, um direkt im Dorf einen kleinen Laden betreiben zu kön­nen, der neben Lebens­mit­teln mit Bäck­ereifil­iale und regionalen Fleis­chwaren zusät­zlich Café, Pake­tan­nahmestelle, Lot­to und Getränkek­isten anbi­etet. In Kom­bi­na­tion mit anfänglichen För­der­mit­teln aus dem EU-Pro­gramm LEADER kann seit unge­fähr fünf Jahren ein kos­ten­deck­ender Betrieb gewährleis­tet wer­den und Ball­städt hat damit wieder eine Einkauf­s­möglichkeit und einen Tre­ff­punkt vor Ort.
Betriebe wie der Genossen­schaft­sladen sind allerd­ings trotz­dem stark von wirtschaftlichen Inter­essen unter Druck geset­zt. Bei Ver­lus­ten dro­ht schnell das Aus, Investi­tio­nen wie eine Rampe für bar­ri­ere­freien Zugang sind für den kleinen Laden kaum möglich. Für große und dadurch preiswert­ere Zulief­er­er ist die Verkaufs­fläche zu klein und nicht prof­ita­bel, weshalb die Pro­duk­te teur­er angekauft und verkauft wer­den müssen. Große Einzel­han­del­san­sied­lun­gen auf der grü­nen Wiese ließen von Anfang an keine allzu großen Umsätze für den Dor­fladen zu. Es sind also viele Her­aus­forderun­gen, denen der Kon­sum trotzt, was nicht zulet­zt dem genossen­schaftlichen Gerüst zu ver­danken ist, auf dem gebaut wer­den kann. LEADER als ein Förder­pro­gramm, das solche Ansätze zulässt und fördert, kön­nte ein Anhalt­spunkt sein, wo in Zukun­ft ver­stärkt der poli­tis­che Fokus gelegt wer­den könnte.

Die ländlichen Räume und wach­s­tum­skri­tis­che Ansätze hän­gen also direkt miteinan­der zusam­men, weil beson­ders struk­turschwache Regio­nen von den neg­a­tiv­en Seit­en des glob­alen Kap­i­tal­is­mus betrof­fen zu sein scheinen. Wenn wir über die Zukun­ft unser­er ländlichen Räume in Thürin­gen nach­denken, lohnt es sich auch immer, über den Teller­rand wirtschaftlichen Wach­s­tums zu blick­en. Das zeigen funk­tion­ierende Ideen wie der Kon­sum in Ballstädt.

Wir Jusos und Wachstum

Es sind also große Diskus­sio­nen, denen wir uns hier stellen müssen, denn den ländlichen Räu­men in Thürin­gen müssen andere Grund­la­gen geschaf­fen wer­den, wenn die Fol­gen der sozioökonomis­chen Struk­tur­brüche, der demografis­chen Entwick­lung und nicht zulet­zt der immer noch aus­baufähi­gen zivilge­sellschaftlichen Präsenz für die Bevölkerung keine Ver­schlechterung der Lebensver­hält­nisse mit sich brin­gen sollen. Als Jungsozialist*innen soll­ten ger­ade wir entsch­ieden für eine wach­s­tum­sun­ab­hängige Wirtschaft­sor­d­nung ein­ste­hen, die sol­i­darisch für alle aufkommt und durch die im Grundge­setz ver­ankerte Gle­ich­w­er­tigkeit der Lebensver­hält­nisse auch gle­iche Möglichkeit­en schafft. Im Gegen­satz zum Kap­i­tal­is­mus ist der demokratis­che Sozial­is­mus (zumin­d­est in mein­er Vorstel­lung) nicht auf Wach­s­tum angewiesen und kann bess­er damit umge­hen, wenn es bes­timmten Regio­nen schlechter geht. Gehen wir die ersten Schritte. Das Akzep­tieren der Tat­sache, dass Wach­s­tum nicht langfristig funk­tion­ieren wird, ist nicht nur mit unseren grundle­gen­den Werten und Zukun­ftsvorstel­lun­gen vere­in­bar. Es ist auch ein nötiger Schritt, um den sozialökol­o­gis­chen Wan­del gerecht zu vol­lziehen und unsere Wirtschaft und Gesellschaft wider­stands­fähig zu machen. Wir kön­nen, schrieb Roger Willem­sen ein­mal, keine sta­bile Zukun­ft schaf­fen, das „wider­spricht jed­er Zukun­ft, die je war“. [3]Gehen wir ehrlich damit um und arbeit­en daran, dass es allen Men­schen heute gut geht, ohne auf immer neues Wach­s­tum mor­gen zu hof­fen. Unsere ländlichen Räume mögen der drän­gend­ste Ansatzpunkt dafür sein, aber let­ztlich sind sie nur der Beginn ein­er solchen Umdeu­tung der Gesellschaft.

 

[1] Ein Beispiel ist eine im let­zten Jahr veröf­fentlichte Umfrage des Insti­tuts Allens­bach: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019–01/allensbach-umfrage-ostdeutsche-vertrauen-demokratie-marktwirtschaft

[2] Eine sehr gute Über­sicht gibt es hier: https://www.postwachstum.de/gutes-leben-statt-wachstum-degrowth-klimagerechtigkeit-subsistenz-eine-einfuehrung-in-die-begriffe-und-ansaetze-der-postwachstumsbewegung-20140718

[3] „Dass man eine ‚sta­bile Zukun­ft‘ schaf­fen könne, wider­spricht jed­er Zukun­ft, die je war“ schreibt Willem­sen auf Seite 21 in seinem Buch: Das hohe Haus. Ein Jahr im Par­la­ment. Erschienen ist es im Jahr 2015 beim S. Fis­ch­er Verlag.

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