Am 27. Januar 1945 befreite die rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Bis heute unvorstellbar ist das Grauen geblieben, das der Anblick der über 1200 halbtoten Menschen, der Krematorien und Leichenberge ausgelöst hatte. Das Grauen angesichts der historisch ausführlich belegten Wirklichkeit unvorstellbarer Unmenschlichkeit lässt jeden Versuch einer Beschreibung zynisch werden. Das Grauen mahnt uns jederzeit in unserem Handeln die kategorische Forderung bewusst zu halten: Dass Auschwitz nicht mehr sei.

Das Konzentrationslager Auschwitz war eines von sieben Vernichtungslagern, in denen unsere Groß- und Urgroßeltern über 6,3 Millionen Menschen systematisch und industriell vernichten ließen. Deutscher Ordnungswahn und deutsche Gründlichkeit organisierten den Völkermord. Im vorauseilenden Gehorsam überbot sich die deutsche Bevölkerung in antisemitischer und rassistischer Grausamkeit. Kein dunkles Geheimnis verbarg die Realität des nationalsozialistischen Rassenwahns. Kein Aber entbindet von der Verantwortung im und am Terror mitgewirkt zu haben. Keine Ausrede entbindet von der Schuld.

Der nationalsozialistische Vernichtungswille traf mit dem deutschen Antisemitismus auf einen fruchtbaren Boden. Darum stimmt der Einwand nicht, Hitler hätte die Deutschen verführt – Auschwitz ist die logische Konsequenz anhaltender und unverarbeiteter Ressentiments. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Der Antisemitismus hält sich hartnäckig auch unter denen, die angeblich keine Antisemiten sind. Der Wahn einer antideutschen Weltverschwörung, angeführt vom amerikanisch-jüdischen Kapital, klebt bis heute in den Köpfen. Man sagt es nur nicht mehr offen und wittert überall die „Tugendpolizei“.

Besonders zynisch ist der Antisemitismus dort, wo er sich des Holocaust bedient, um die israelischen Juden des Faschismus zu bezichtigen. Als ob wir nach Auschwitz besser wüssten, was richtig und falsch ist. Wohlgemerkt: Im Gegensatz zum Rest der Welt haben die Deutschen die Unmoral industrieller Massenmorde erst begriffen, nachdem sie Auschwitz wirklich machten. Lektionen in Moral sollte man nicht erteilen, wenn man moralisch nachweislich der schlechteste Lerner ist.

Mit der AfD etabliert sich in diesen Tagen eine Partei rechts von der CDU. Ihre Umfragewerte bei den kommenden Landtagswahlen kreisen stabil um 10%. Auf ihren regelmäßigen Kundgebungen schüren sie mit beleidigenden Parolen ein Klima der Ausgrenzung und des Fremdenhasses. Absichtlich blind für die Chancen der Einwanderungsgesellschaft auf Vielfalt und Wohlstand halten sie sich an eben jener deutschen „Kultur“ fest, die vor über 60 Jahren dankenswerterweise abgeschafft wurde.

Wenn Woche für Woche „Besorgte“ ihre „Sorgen“ demonstrieren, können wir nicht auf die Kraft besserer Argumente setzen. Wo sich Rassismus eine Bühne schafft, muss sich Entschlossenheit dagegen stellen. „Wehret den Anfängen!“ zählt nicht ohne Grund zu den wichtigsten Geboten der Stunde. Damals wie heute ermöglichte die politische Passivität der Mehrheit diesen Rechtsruck. Der Glaube, dass das alles schon nicht so schlimm sei oder dass jede Sorge im Kern ein ehrliches Anliegen enthalte, führte sehenden Auges in die Katastrophe.

Die Demokratie braucht entschlossene und aktive Demokrat*innen. Sie braucht Menschen, die sich den falschen Sorgen der Menschen entgegenstellen und die den Mut haben, gemeinsam an einer friedlichen Welt mitzuwirken, in der Auschwitz nicht mehr möglich ist. Die Begrenzung der Flüchtlingszahlen, wie sie prominent von der CSU immer wieder eingefordert wird, läuft diesem Anliegen diametral entgegen. Das individuelle Grundrecht jeder und jedes Verfolgten auf Asyl gehört zu den wichtigsten Konsequenzen aus der Erfahrung des Völkermords: Die Hoffnung auf Asyl macht den Menschen vor Ort Mut, motiviert sie ihre Stimme zu erheben und eine bessere Welt einzufordern. Kaum ein Anliegen verdient mehr unsere unbeschränkte Solidarität.

Wir gedenken der Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti, Roma, Homosexueller, politisch Andersdenkender und Verfolgter, die von unseren Vorfahren in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern qualvoll ermordetet wurden. Unser Dank gilt den Partisanen und Widerstandskämpfern, den Amerikanern, Engländern, Franzosen, Russen und allen anderen Menschen, die bereitwillig ihr Leben dafür gaben, zu beenden, was die deutsche Kultur selbst nicht zu beenden wusste.

Text von Marc Emmerich.