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Am 25. Novem­ber 2016 jährt sich zum 17. Mal nach der UN-Reso­lu­tion im Jahre 1999 der Inter­na­tio­nale Tag gegen Gewalt an Frauen*, an dem Stra­te­gien zur Bekämp­fung von Gewalt an Frauen* in den Mit­tel­punkt gerückt wer­den sollen.

Doch obwohl zahl­rei­che Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, wie Terre des Femmes, täg­lich dafür kämp­fen, Rechte und Frei­hei­ten von Frauen* vor Gewalt zu schüt­zen, sind Gewalt­er­fah­run­gen, laut der WHO, immer noch das größte Gesund­heits­ri­siko für Frauen*.

Nach Anga­ben der EU ist jede dritte Frau* min­des­tens ein­mal in ihrem Leben Opfer von häus­li­cher und/ oder sexu­el­ler Gewalt gewor­den. Die meis­ten Vor­fälle ereig­nen sich dabei im enge­ren Umfeld, Gewalt geht oft sogar von der*dem Partner*in der Frauen* aus. In die­sen Fäl­len fällt es den Betrof­fe­nen beson­ders schwer einen Weg aus ihrer Situa­tion zu fin­den oder diese über­haupt erst als Straf­tat zu erken­nen. Aber auch Ange­hö­rige wis­sen in die­sem Zusam­men­hang nicht, wie mit einer sol­chen Situa­tion umzu­ge­hen ist und igno­rie­ren, rela­ti­vie­ren oder leug­nen schlicht die Gewalttaten.
Die Delikte zie­hen sich dabei durch alle sozia­len Schich­ten sowie Alters­klas­sen und sind ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem, denn ent­ge­gen vie­ler Vor­ur­teile hat häus­li­che Gewalt gegen Frauen* nichts mit Her­kunft, Bil­dung oder Ein­kom­men der Betrof­fe­nen zu tun. Beson­ders erschre­ckend ist dabei, dass die Anzahl von Betrof­fe­nen von häus­li­cher Gewalt in Deutsch­land in den letz­ten Jah­ren noch wei­ter zuge­nom­men hat. Diese Sta­tis­ti­ken könn­ten sich jetzt end­los lang wei­ter­füh­ren las­sen. Die Gewalt an sich ist dabei oft­mals erst der Anfang eines län­ge­ren Mar­ty­ri­ums. Die medi­zi­ni­sche Behand­lung und psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung der Frauen* und ihrer Kin­der sowie indi­rekte Fol­gen, wie bei­spiels­weise Arbeits­lo­sig­keit oder ein­ge­schränkte Teil­nahme am öffent­li­chen Leben, wir­ken noch lange nach. Daher ist es so wich­tig genü­gend Bera­tungs- und Infor­ma­ti­ons­stel­len ein­zu­rich­ten, um einen Weg aus der Gewalt zu ermög­li­chen und ihn für Betrof­fene leich­ter zu machen.

Obwohl die Rechts­lage auch in Deutsch­land ein­deu­tig ist und bei­spiels­weise mit dem Bun­des­wei­ten Hil­fe­te­le­fon (www.hilfetelefon.de) Schritte in die rich­tige Rich­tung getan wur­den, wird das Thema immer noch in wei­ten Tei­len der Gesell­schaft tot­ge­schwie­gen. Wir müs­sen end­lich mit dem Tabu bre­chen, das Betrof­fene von einem offe­nen Umgang mit Sexis­muser­fah­run­gen und sexua­li­sier­ter Gewalt auch heute noch hin­dert, denn obwohl Unter­su­chun­gen von so hohen Zah­len spre­chen, reden nur die wenigs­ten darüber.

Gewalt gegen Frauen* fin­det in den unter­schied­lichs­ten Berei­chen der Gesell­schaft statt, über die teil­weise immer noch nicht trans­pa­rent dis­ku­tiert wer­den. Die Orga­ni­sa­tion „Gerechte Geburt“ bei­spiels­weise deckt Gewalt­for­men von medi­zi­ni­schem Per­so­nal oder ande­ren in Schwan­ger­schaft, Geburt und Wochen­bett betei­lig­ten Per­so­nen an Frauen* und ihren unge­bo­re­nen Kin­dern auf. Vie­len Frauen* wer­den wäh­rend der Geburt phy­si­sche und/oder psy­chi­sche Gewalt zuge­fügt, was oft aus Grün­den feh­len­dem Respekts, Per­so­nal­man­gel oder rou­ti­nier­ten Ein­grif­fen geschieht. So muss nach Anga­ben einer Stu­die jede sechste Frau* in Deutsch­land einen unge­plan­ten Kai­ser­schnitt erle­ben, wor­über auch bei Geburts­vor­be­rei­tungs­kur­sen viel zu wenig gespro­chen wird. Selbst­be­stimmt­heit und Mit­ent­schei­dung sind bei einem solch extre­men Ein­griff eine Sel­ten­heit. Gebä­rende haben das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit und die Bedin­gun­gen wäh­rend der Geburt frei zu wählen.

Die Jusos Thü­rin­gen haben in die­sem Zusam­men­hang 2015 die Beschluss­lage gefasst, sich für den Erhalt von Geburts­häu­sern und die Exis­tenz­si­che­rung von frei­be­ruf­li­chen Heb­am­men ein­zu­set­zen, um so eine flä­chen­de­ckende und ange­mes­sene Betreu­ung außen­kli­ni­scher Gebur­ten gewähr­leis­ten zu kön­nen. Unsere Gesell­schaft darf aus öko­no­mi­schen Grün­den nicht län­ger die Augen vor sol­chen Gege­ben­hei­ten verschließen!

Deutsch­land liegt mit 35% Pro­zent der über 15-jäh­ri­gen Frauen*, die phy­si­sche oder auch sexu­elle Gewalt erlebt haben knapp über dem EU-Durch­schnitt. All diese Frauen* und Geschich­ten dür­fen nicht län­ger igno­riert wer­den. Denn Geset­zes­texte per se ver­än­dern nicht die Rea­li­tät, Denk­mus­ter oder gelebte Prak­ti­ken. Die Ursa­chen von die­sen Gewalt­ta­ten lie­gen immer noch in der anhal­ten­den und struk­tu­rel­len Dis­kri­mi­nie­rung von Frauen*. Sexu­elle Beläs­ti­gung gehört auch in Deutsch­land zum All­tag vie­ler Frauen*, doch nicht immer bekommt die­ses Thema so viel mediale Auf­merk­sam­keit, wie bei­spiels­weise zur Köl­ner Sil­ves­ter­nacht 2015. Daher wol­len wir dafür kämp­fen, dass alle Men­schen frei und gleich­be­rech­tigt an die­ser Gesell­schaft teil­ha­ben kön­nen und an die­sem beson­de­ren Tag ein­mal mehr die Gewalt­ta­ten und Dis­kri­mi­nie­run­gen, an denen Frauen* lei­den, offen­le­gen und zurück­drän­gen. Fast jede Frau* muss heute noch selbst erle­ben, dass das Patri­ar­chat noch lange nicht über­wun­den ist und eben diese patri­ar­chale Gesell­schafts­ord­nung Sexis­mus und sexu­elle Über­griffe pro­du­ziert. Wir alle müs­sen erken­nen, wo Gewalt anfängt, wel­che Aus­wir­kun­gen das hat und wir müs­sen ler­nen uns gegen­sei­tig soli­da­risch vor Gewalt zu schüt­zen. Denn in einer Welt, die von Män­nern bestimmt und orga­ni­siert ist und in der Frauen* Opfer von sexua­li­sier­ten Gewalt­ta­ten sind, wol­len wir nicht leben.

Sarah George, stellv. Juso-Landesvorsitzende

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