Die Türkei stand in den vergangenen Monaten vielfach im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit – vor allem natürlich wegen der kritischen Rolle der türkischen Regierung im Kampf gegen IS und der erschreckenden Passivität im Fall Kobane. Aber auch Blitzlichter aus der türkischen Innenpolitik fanden Resonanz in deutschen und internationalen Medien, z.B. anlässlich des Korruptionsindexes von Transparency International, welcher der Türkei ein Absacken auf den Platz 64 weltweit attestierte, oder aufgrund erneuter Verhaftungen von Journalist_innen u.a. der regierungskritischen Zeitung “Zaman”. Auch Erdoğans Äußerungen, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sei “unnatürlich” und Frauen sollten sich vor allem auf ihre Mutterrolle konzentrieren, ist in deutschen Medien (zum Glück) kritisch aufgenommen worden. Weiter war davon zu lesen, dass nach Meinung Erdoğans bzw. der türkischen Regierung Jungen und Mädchen besser getrennt unterrichtet werden sollten. Oder dass zum Wehrdienst Eingezogene einen hohen Geldbeitrag bezahlen müssen, wollen sie den Dienst verweigern, und dass sich die EU besser aus türkischen Angelegenheiten heraushalten sollte.

Die letzten drei Monate habe ich in der türkischen Metropole Istanbul gelebt und all die Ereignisse und Diskussionen sowohl im türkischen als auch im deutschen Kontext verfolgen können. Und ich habe gelesen und gehört, wie viele meiner Freund_innen in Deutschland sehr schnell mit vermeintlich offensichtlichen Ursachen und Sündenböcken argumentierten und mit Witzen, starker Kritik und Verurteilungen in Bezug auf die Türkei bei der Hand waren.
Wir sollten dabei aber immer genau überlegen, wen wir mit unserer Kritik treffen und ob Distanzierung und teilweise Hohn wirklich die besten Mittel sind. Und wir sollten nicht vergessen, dass der Kampf für Gleichheit und gegen Unterdrückung jeglicher Art unabhängig davon, wo er stattfindet, vor allem eins ist: ein Kampf! Und dass auch der rechtliche Schutz oder die faktische Überwindung mancher Privilegien erst erkämpft werden mussten.
Ich habe in Istanbul viele, vor allem junge aber auch ältere Türk_innen und Kurd_innen kennengelernt, deren Wut auf Unfreiheit, Presseeinschränkungen, Patriarchat, Ausbeutung, Korruption, Diskriminierung von Minderheiten usw. genauso groß war, wie ich sie häufig auch im deutschen Kontext erlebe. Und die sich unter oft viel schwierigeren Umständen in NGOs, in Parteien und Gewerkschaften, auf Demos und in Internetblogs engagieren, oder auch einfach (deshalb aber nicht weniger wichtig) in Diskussionen mit ihren Familien und Freund_innen. Mit ihnen in den Autausch zu treten und ihnen unsere Unterstützung zuzusichern, erscheint mir um ein vielfaches hilfreicher als pauschales Türkei-Bashing.

Manchmal hat man das Gefühl, dass es vor allem der Beruhigung des eigenen Gewissens dient, wenn man auf diejenigen Länder und Regionen zeigen kann, in denen es um elementare Rechte wie Meinungsfreiheit, Gleichstellung und Minderheitenschutz schlechter bestellt ist, als dies im eigenen Land der Fall ist. Da kann man sich ja beruhigt zurücklehnen, stimmt’s?
Wenn kommenden Montag, am 12. Januar 2015, in Suhl der Pegida-Ableger “Sügida” gegen die vermeintliche “Islamisierung Südthüringens” demonstriert und die Pegida-Bewegung somit auch in Thüringen angekommen ist, stehen aber ebenso erkämpfte Freiheiten und Grundrechte zur Disposition. Pegida spricht Grundrechten ihre Allgemeingültigkeit ab und postuliert, dass bestimmte Rechte und Freiheiten nur für sie selbst und diejenigen, die sie zu ihrer “Wir-Gruppe” zählen, gelten. Einer der Anmelder der Demonstration ist der Gründer der Neonazi-Vereinigung “Bündnis Zukunft Hildburghausen”, Tommy Frenck. Ihm wollen sich laut Facebook bereits jetzt über 350 Nazis, Rechtskonservative, sowie Bürger_innen “aus der Mitte der Gesellschaft” anschließen. Auf ihren Facebook-Seiten hetzen sie gegen Migrant_innen und Menschen anderer Religionen und Weltanschauunen, gegen Muslim_innen, Linke, gegen die “Lügenpresse”. Sie wollen Menschen, die vor Krieg, Folter und Verfolgung nach Deutschland fliehen die Solidarität unserer Gesellschaft entziehen. Und sie wollen das Attentat auf die Satire-Zeitung “Charlie Hebdo” in Paris am 7. Januar missbrauchen, um den Islam als terroristische Religion zu diffamieren.
Wie ähnlich fragil erscheinen plötzlich die “westlichen Werte”, die wir immer so “stolz” vor uns hertragen…

Was wir daraus mitnehmen sollten, ist insbesondere, dass eine bessere Welt nicht von alleine kommt, sondern dass wir für diese immer wieder aktiv werden müssen. Egal ob auf Straßen in der Türkei oder Deutschland: Solidarisiert euch mit denen, die für die fundamentale Gleichheit der Menschen eintreten, die für Toleranz und soziale wie politische Rechte auf die Straße gehen, und kämpft an deren Seite für eine gerechte und solidarische Gesellschaft ohne Rassismus, Islamophobie, Antisemitismus und Hetze gegen Flüchtlinge. Und wenn ihr gerade in Thüringen seid: Kommt am 12. Januar nach Suhl und zeigt “Sügida”, dass unsere Solidarität stärker ist als ihr Hass.

Saskia Scheler