Wir haben mit dem stellv. Lan­des­vor­sit­zen­den der GEW Thü­rin­gen und Geschichte- und Phy­sik­leh­rer Tho­mas Pfeuf­fer gesprochen:

Was hältst du von Schul­schlie­ßun­gen in Thü­rin­gen wäh­rend der Corona-Krise?

Die Schul­schlie­ßun­gen sind im Rah­men des Her­un­ter­fah­rens der phy­si­schen Kon­takte zwi­schen den Men­schen ein kon­se­quen­ter Schritt. Aller­dings schafft auch die Schul­schlie­ßung Her­aus­for­de­run­gen, wie die Ein­schrän­kun­gen in den ande­ren Berei­chen des Lebens auch.

 

Wie hat sich dein Arbeits­all­tag verändert?

Mein Berufs­le­ben spielt sich fast nur noch am PC ab. Ich wehre mich etwas gegen die For­mu­lie­rung, dass es kaum noch sozia­len Kon­takt gibt. Natür­lich sind die Kon­takte deut­lich redu­ziert, sie fin­den nun aber eben über­wie­gend digi­tal statt. Meine Arbeit besteht in ers­ter Linie aus dem Erstel­len von Arbeits­auf­trä­gen, die das Arbei­ten mit his­to­ri­schen Quel­len, Rechen­auf­ga­ben, Arbei­ten mit dem Buch, aber auch das Expe­ri­men­tie­ren der Schüler*innen umfas­sen. Des Wei­te­ren beant­worte ich Mails und unter­stütze so die Schüler*innen und erhalte Feed­back zu den Aufgaben.

 

Glaubst du, dass ein flä­chen­de­cken­des digi­ta­les Ange­bot für Schüler*innen in Thü­rin­gen mög­lich ist?

Aktu­ell sind wir – damit­meine ich die Gesell­schaft als Gan­zes, die Lehrer*innen, die Infra­struk­tur, die Aus­stat­tung der Haus­halte, die Gesetz­ge­bung, etc. –noch nicht flä­chen­de­ckend so aus­ge­stat­tet, dass wir das kön­nen. Diese Situa­tion zwingt nicht zuletzt die Lehrer*innen dazu, sich mit digi­ta­len Mög­lich­kei­ten zu beschäf­ti­gen und viel zu tes­ten. Die Uni­ver­si­tä­ten Erfurt und Jena, sowie die GEW Thü­rin­gen haben zuletzt dazu eine Umfrage unter über 1000 Lehrer*innen in Thü­rin­gen durch­ge­führt und die Bedürf­nisse ermit­telt. Der Bericht liegt bereits dem Minis­te­rium vor.

Wie wirkt sich Corona eigent­lich auf die Chancen(un)gleichheit aus? 

Das ist einer der gro­ßen Knack­punkte. Lange nicht alle Schüler*innen ver­fü­gen über einen unbe­grenz­ten schnel­len Daten­zu­gang einer­seits und über die nöti­gen End­ge­räte wie Lap­tops oder Tablets ande­rer­seits. Hier sind neben der GEW, nicht zuletzt die Jusos gefor­dert, den ent­spre­chen­den Druck zu machen, um eine echte Lehr­mit­tel­frei­heit (auch) in einem stär­ker digi­ta­li­sier­ten Lern­pro­zess zu orga­ni­sie­ren. Die aktu­elle Vor­ge­hens­weise mit Arbeits­auf­trä­gen kommt mit­tel­fris­tig an ihre Gren­zen. Wobei inner­halb die­ser Gren­zen ledig­lich der Inter­net­an­schluss erst ein­mal genügt.

Soll­ten Video­sprech­stun­den oder Ähn­li­ches nötig wer­den, weil nicht jede*r alles auto­di­dak­tisch bzw. ohne direkte Hilfe der Lehr­kraft ver­ste­hen kann, dann wer­den wir noch weni­ger von Chan­cen­ge­rech­tig­keit und ‑gleich­heit spre­chen können.

 

Was sollte dei­ner Mei­nung nach Thü­rin­gen bil­dungs­po­li­tisch (noch) tun?

Die Bil­dungs­po­li­tik ist ein sehr wei­tes Feld, das weit über die Schule hin­aus­geht. Ich werde mich den­noch in mei­ner Ant­wort stark auf die Schule bezie­hen: Es braucht vor allem mehr Pädagog*innen. Bewusst habe ich nicht Lehrer*innen gesagt. Bil­dung in der Schule ist ein Pro­zess, der Pädagog*innen in einem brei­ten Ver­ständ­nis des Wor­tes braucht. Es reicht nicht aus, frei­wer­dende Stel­len wie­der zu beset­zen. Es braucht ange­sichts gro­ßer Klas­sen, die natür­li­cher­weise geprägt von Hete­ro­ge­ni­tät sind, Dop­pel­be­set­zun­gen. Da könn­ten zum Bei­spiel Erzieher*innen im „Hort“ eine wich­tige Rolle spie­len. Das gemein­same Ler­nen sollte aus­ge­baut wer­den. Dafür haben wir in Thü­rin­gen mit der „Thü­rin­ger Gemein­schafts­schule“ ein sehr gutes Modell, das aber kon­se­quen­ter ver­wirk­licht wer­den muss. Das neue Schul­ge­setz bie­tet nun die Mög­lich­keit, dass „Ganz­tag“ auch in wei­ter­füh­ren­den Schu­len mög­lich wird. Damit die ent­spre­chende Kon­zept­ar­beit durch die Kolleg*innen statt­fin­den kann, braucht es ent­spre­chende Arbeits­zeit­ent­las­tun­gen, also mehr Stel­len und mehr Personal.

Mit Blick auf die aktu­elle Situa­tion muss über­legt wer­den, inwie­fern Leis­tungs­be­wer­tun­gen mög­lich sein kön­nen. Dafür braucht es daten­schutz­recht­lich sichere tech­ni­sche Lösun­gen und unter Umstän­den eine Anpas­sung recht­li­cher Bestim­mung für digi­tal erbrachte Leis­tungs­nach­weise. Auch hier kann oder muss die Dis­kus­sion über die Sinn­haf­tig­keit von Noten geführt wer­den. Inwie­fern sind Schul­no­ten lern­för­der­lich oder nicht. Wie sind Leis­tungs­fest­stel­lun­gen in einem digi­ta­len Lern­pro­zess – auch in einer sol­chen Situa­tion wie aktu­ell – mög­lich und nicht zuletzt fair? Diese Fra­gen müs­sen aus mei­ner Sicht von poli­ti­schen Akteur*innen dis­ku­tiert werden.

 

Was for­dert die GEW für die Arbeitnehmer*innen in den Schulen?

Der For­de­rungs­ka­ta­log der GEW ist sehr umfang­reich. Daher werde ich nur exem­pla­risch einige Punkte anspre­chen. Eben ist ja bereits das Thema „Ganz­tag“ ange­spro­chen wor­den. Die der­zei­ti­gen Arbeits­be­din­gun­gen von Erzieher*innen im Hort­be­reich sind inak­zep­ta­bel. Oft­mals haben diese nur gerin­gere Beschäf­ti­gungs­um­fänge zwi­schen 60 und 70 %. Daher for­dern wir, dass im aktu­el­len Haus­halt vor­aus­sicht­lich nicht besetzte Stel­len dafür ver­wen­det wer­den, die Beschäf­ti­gungs­um­fänge in einem ers­ten Schritt auf 80 % zu erhö­hen. Im nächs­ten Haus­halt müs­sen diese Stel­len natür­lich zusätz­lich wie­der geschaf­fen wer­den. Wäh­rend im Unter­richt Integrationsbegleiter*innen unter­stüt­zen, sind diese an den Nach­mit­ta­gen nicht da, sodass die Erzieher*innen allein mit unter­schied­lichs­ten För­der­be­dar­fen klar kom­men müssen.

Eine zweite wich­tige For­de­rung ist die Ein­grup­pie­rung von Grundschullehrer*innen in die E bzw. A13, damit diese mit ihrem Ein­kom­men den ande­ren Lehr­äm­tern gleich­ge­stellt wer­den. Wir als GEW sind der Über­zeu­gung, dass die Gleich­wer­tig­keit von Auf­ga­ben die Grund­lage für eine glei­che Bezah­lung ist und nicht die Gleich­heit der Aufgaben.

Durch die mas­si­ven Ein­schrän­kun­gen des öffent­li­chen Lebens ist auch der Akti­ons­zeit­raum der GEW aus­ge­fal­len. In die­sem fünf­wö­chi­gen Zeit­raum hät­ten wir das grund­sätz­li­che Thema Arbeits­zeit­be­las­tung von Lehrer*innen the­ma­ti­siert. Die Arbeits­zeit von Lehrer*innen hat sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten nicht ver­än­dert, wäh­rend per­ma­nent neue Auf­ga­ben hin­zu­ge­kom­men sind. Wir sagen nicht, dass die Auf­ga­ben grund­sätz­lich ver­kehrt sind, diese brau­chen im Gegen­zug Ent­las­tun­gen zum Bei­spiel bei der Unter­richts­ver­pflich­tung. Andere Auf­ga­ben könn­ten zum Bei­spiel durch Sachbearbeiter*innen oder einen Ver­wal­tungs­di­rek­tor an Schu­len über­nom­men wer­den, wodurch Schul­lei­tun­gen und die übri­gen Lehrer*innen mehr Zeit für die päd­ago­gi­sche Arbeit haben.

 

 

Foto: Geb­hard Gräbedunkel 

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