Wie fühlst du dich als Azubi derzeit?
Eigentlich wie immer. Meine Ausbildung habe ich während Corona im September 2020 gestartet, ich kenne es nicht anders. Meine Ausbildung als Fachkraft für Schutz und Sicherheit ist dabei aber nochmal ein Sonderfall: für uns hat sich nicht das Arbeitspensum geändert, sondern eher der Einsatzbereich. Statt Konzerte, Messen und Co “sichern” wir jetzt Supermärkte ab. Wir schauen unmittelbar ob und wie die Menschen sich an die jeweilig neuen Infektionsschutz-Maßnahmen halten und treten dabei unmittelbar in Kontakt, zu ebenjenen, die vom Regelwust Verwirrten oder eben den knallharten Querköpfen. Die Regeln sind zwar allgemein per Gesetz geregelt, die Betriebe die wir bewachen haben aber alle unterschiedliche Auslegungen. Das hat in den letzten Monaten die Arbeit immens erschwert. Von den Anfeindungen, die wir dabei erfahren fang ich jetzt nicht an, das ist ja quasi Berufsrisiko.

Wir stehen da aber fast genauso an “vorderster Front” wie die Kolleg:innen im Einzelhandel. Wir, also meine Azubi-Kolleg:innen und ich und natürlich auch die anderen Kolleg:innen der Branche, stehen da ohne ein mediales Echo der Unterstützung. Impfungen werden wir auch nicht bekommen, da wir nur die letzte Prio-Gruppe sind. Das tut schon weh, gerade wenn man weiß, dass Zuhause theoretisch immer jemand mit Vorerkrankungen auf einen wartet. Wären wir aber nicht da, wären die Maßnahmen aber auch kaum einzuhalten. Das merkt man besonders krass beim eigenen Einkauf in nem Markt ohne Security. Da klappt das noch weniger.

Was muss die Politik machen, um pandemiebedingten Folgen für Azubis auszubessern?
Hui, schwierig. Wie gesagt, meine eigene Ausbildung ist ja nochmal was ganz anderes als der Rest an unserer Berufsschule. Das ist glaube ich die größte Herausforderung: wenn wir uns in der Gesellschaft über die Frage des Umgangs mit Schulen während und nach Corona beschäftigen, sind Azubis ja nochmal anders betroffen. Wir sind ja viel heterogener als die 10c am Gymmi. Aktuell bekommen ja viele Unternehmen schon die Kosten für Azubis, also quasi unsere Vergütung, erstattet, damit wir nicht noch unsere Ausbildung wegen den wirtschaftlichen Folgen verlieren. Das Problem, dass kann ich aber eher nicht persönlich einschätzen, unsere Branche hat ja weniger Verlustgeschäft als andere Branchen wie die Gastronomie.

Was wichtig wäre, ist allerdings ne Unterstützung für die verlorene Zeit an der Berufsschule. Bei uns hat das seit Jahresanfang mehr oder weniger gar nicht funktioniert. Fokus waren die Prüfungsklassen, die haben den Stoff und Lehraufwand der Lehrer:innen bekommen, wir saßen da Zuhause und haben kopierte Arbeitsblätter gemacht. Pädagogik gleich null. Kann ich es den Lehrer:innen aber nur bedingt übel nehmen. Auch der Politik nicht, die sollten ja von heute auf morgen umstellen, obwohl ja schon Lehrer:innen an den normalen Schulen fehlen. Was wir dann aber auch brauchen, ist ne garantierte Unterstützung, dass wir den Stoff nachholen können. Das geht nur mit Mehraufwand. Wir haben ja auch keine Ferien, ich denke da wird es nur gehen, wenn wir zukünftig weniger im Betrieb mitarbeiten und die Schule nachholen können. Das erzeugt ja aber auch Folgeprobleme. Vielleicht wird es für unsere Klasse gar nicht anders gehen als die Prüfungen im kommenden Jahr auszusetzen und quasi ein ganzes Beschulungsjahr extra zu machen. Das erzeugt dann wiederum Kosten für Unternehmen und Schulen und ebenauch bei uns. Das muss uns allen auch klar sein. Ich denke das wird ne relevante Frage werden, die ich so aber gar nicht weiter beantworten kann.

Wie läuft’s im Home-Schooling?
Hab ich ja schon zum Teil beantwortet. Ich sag’s ganz offen: allein in unserer Klasse gibt’s massiv Unterschiede. Nicht alle haben die Endgeräte oder Internetzugang um die Aufgaben überhaupt abzurufen. Unsere Klasse wohnt in ganz Thüringen verstreut, untereinander helfen geht auch nur bedingt. Wir kennen uns auch bisher nur von 3 Wochen Schule, nach 9 Monaten. Telkos für Unterricht gab’s bei uns nicht. Geld haben wir auch nicht, mit 500€ im Monat von Miete und Fahrtkosten zur Arbeit kann man auch nach der Zeit jetzt nichts ansparen oder in neue Technik investieren. Ich wohne ja auch nicht bei meinen Eltern, da bleibt noch weniger Geld im Monat über. Unsere Berufsschulklasse ist ja auch sehr heterogen was den Wissensstand von vorher angeht. Von Leuten die die 10 Klasse gerade so gepackt haben bis 2 Ausbildungen oder Bundeswehr schon hinter sich ist alles dabei. Da erstmal eine gemeinsame Lerngrundlage zu schaffen braucht Zeit, Zeit die wir aktuell nicht bekommen.

Wie sollte mit Prüfungen verfahren werden?
Mehr Entgegenkommen wäre ja schon gut. Die Ausbildungsjahre sollen ja allen Stoff der Prüfungen vermitteln. Wir selbst haben Prüfungen Ende des 2ten und 3ten Lehrjahres. Dienstälteste Azubis meines Betriebs meinten zu mir, dass sie mit Home-Schooling nicht hinterherkommen und neben der Arbeit im Betrieb auch keine Zeit oder Kraft hätten nachzuholen.

Ich denke persönlich es wäre nur gut und richtig, die Ausbildungen im Zweifel durch Finanzhilfen zu verlängern, sobald Corona die Lehre nicht mehr so beeinflusst. Die meiste Lehre der Schule findet ehh nur pädagogisch wertfrei statt, da kann man auch sagen: “schön das ihr eure Hausaufgaben gemacht habt, jetzt machen wir da weiter wo wir vor den Schulschließungen aufhören mussten”. Quasi die nachweisbar verloren Wochen nach Ende der Pandemie einfach ranhängen und die Kosten dafür erstatten. Anders wird es doch nicht gehen. Standardprüfungen solang aussetzen und gut ist. Wir wollen doch nicht ernsthaft ein, zwei oder schlimmstenfalls drei Generationen von neuen Fachkräften haben, die im entscheidenden Moment sagen “ja keine Ahnung wie das geht, da war Schule wegen Corona geschlossen”.

Das Ausbildungssystem war auch vor Corona nicht perfekt. Welche Forderungen sind dir besonders wichtig?
Ha! Endlich Mal ne Frage die man grundsätzlich beantworten kann! Klare Sache eigentlich: Wohnkosten müssen unabhängig vom vorherigen Werdegang allen Azubis erstattet werden, sofern sie nicht Zuhause wohnen. Miete ist so unfassbar teuer, wenn man in ner Stadt wohnt, wo ich ja auch Ausbildung mache. Die Ausbildungsvergütung könnte mir dann für die paar Jahre dicke reichen, so wie manchen Azubi-Kolleg:innen, die noch Zuhause wohnen können.

Wir bräuchten aber auch verlässliche Partner:innen, um Missstände in der Arbeitszeit anzugehen. Der Chef ist der Chef, das geht quasi gar nicht, die IHK ist von den Chefs mitbezahlt und die Berufsschulen können maximal auf ihre Lehrzeit pochen. Die Gewerkschaften finden bei uns quasi gar nicht statt (das liegt aber auch an Corona). Gerade bei uns in der Fachrichtung ist Mehrarbeit vorprogrammiert. Viele Azubis trauen sich doch nicht dem Chef zu sagen was geht und was nicht. Und im Zweifel macht der dann trotzdem so weiter. Da braucht es Waffengleichheit. Nicht weil wir Azubis uns vor der Arbeit drücken wollen, sondern weil wir teils die Arbeit unserer Kolleg:innen machen müssen aber weniger kosten. Wir haben Verträge unterzeichnet und die müssen gelten. Das wird nur durch flächendeckende Kontrolle der Arbeitszeiten gehen. Wäre mir aber nicht bekannt, dass wir ne unabhängige Stelle hatten, die im Zweifel interveniert und die das klar stellt. Das sollten die Gewerkschaften sein, aber im Betrieb lernste die eher kaum bis gar nicht kennen und in der Schule dürfen sie wohl nur bedingt auftreten. Das ist doch Mist.

Zu guter Letzt: was Ausbildungen immer attraktiver macht wäre doch ne Reform der Arbeitszeiten in Deutschland. Wenn ich Spaß an Handwerk und Beruf habe: cool. Aber warum fehlen denn angeblich so viele Fachkräfte? Weil man weniger verdient als z.B. nach nem Studium ohne einen handfesten Vorteil, zumeist muss man ja in Schicht sogar noch zu, Pardon, beschisseneren Zeiten raus. Der Vorteil könnte sein, dass man danach in den Jobs generell weniger Arbeitszeit leisten muss fürs “gleiche Geld”. Bei vielen Industrieberufen ist die 35 Stunden Woche fast normal, im Einzelhandel, Sicherheit oder Handwerk halt nicht. Das geht noch besser.

Ein Interview mit Alexander Schwenk,
Azubi & Sprecher der Jusos Erfurt

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