Ich weiß nicht was ich denken soll. Die Situation zerreißt mich innerlich, so dass ich eigentlich auch nicht mehr als ein Mensch, welcher hier lebt, vertreten kann, was durch „meine“ Partei ins Rollen gebracht wird oder auch nicht. Es reicht kein Brief, es reichen keine Statements – die Lage ist erschreckend und zugleich sehr traurig!

Das alles was jetzt geschieht, geschah auch in den 90er Jahren, als Deutschland von „Russenströmen“ (Wolgadeutsche, Juden, Ukrainer, Kasachen) überflutet worden ist. Damals war ich klein und habe diese Debatten als nicht gefährlich eingeschätzt bzw. dass, was das rechte Pack gefordert hat, nicht als lebensbedrohlich eingeschätzt. Ich war klein und hatte, so dachte ich, meine Eltern, die mich beschützen und von all dem Bösen fern halten. Die besondere Situation war ja auch, laut meinen Eltern: Wir sind doch Deutsche! Uns kann nichts passieren! Ich denke, nur so konnte man die ganzen Demütigungen und Ausgrenzungen über Jahre ertragen.

Mittlerweile sind über drei Millionen Russen, Ukrainer, Kasachen, Moldaven, etc. in Deutschland. Ein großer Teil hat dazu beigetragen, dass es Deutschland gut geht! Ich – damals ein Kind, heute eine Stadtbedienstete – trage täglich dazu bei, dass Deutschland ein weltoffenes, zukunftsgebendes und vor allem für alle zugängliches Land ist! Ein Unterschied zwischen einzelnen Gruppen, ob Ausländer, Aussiedler, Geflüchtete oder andere Begriffe, die mir als fremd erscheinen, konnte ich damals als Kind nicht machen, denn wir waren damals alle gleich, denn wir hatten alle ein Ziel! Das Ziel auszubrechen, ob aus einem politischen System oder weil die Eltern für die Kinder ein besseres Leben gewünscht haben, oder aus Verfolgung, aus dem Krieg, aus Angst vor dem Tod oder sonst welchen schlimmen Gründen!

Jetzt, als Erwachsene, muss ich leider begreifen, dass MENSCHEN nicht alle gleich sind! MENSCHEN werden aussortiert, werden Gruppen zugeordnet (Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, etc.)! Wer, sagt mir WER, darf über MENSCHEN, ihr Kommen, ihr Leben, ihre Zukunft so bestimmen? Warum müssen MENSCHEN, die in Deutschland ihre Zukunft sehen, Deutschland vertrauen, an Deutschland glauben, all diese Demütigungen erfahren? WER darf eigentlich über Menschen bestimmen? Das große Europa? Deutschland? Ein Bundesamt für Migration und Flüchtlinge? Ein Landesverwaltungsamt? Eine Ausländerbehörde? Eigentlich, wenn man es so sieht, dann ist die Aussortierung von Menschen, Religionen, etc. so wie sie unter Hitlers Zeiten stattgefunden hat, nie zu Ende gegangen, bis heute!

Meine Seele hat sich immer zerrissen gefühlt, ob ich eine Deutsche bin oder eine Russin? Jetzt fühle ich mich zerrissen, ob ich ein Mensch bin oder ein Konstrukt einer wahnsinnigen Ideologie? Warum kann ich nicht helfen? Warum erscheint das alles als Einbahnstraße?

Ich bin verzweifelt und fühle mich in meiner Haut nicht wohl und denke, ob es für mich nicht das Beste wäre, anderweitig etwas beizutragen – auf jeden Fall nicht politisch, denn da bestimmen andere und da dürfen auch nur andere denken.

 

Natalja, eine Genossin der Jusos Erfurt, hat ihre Gedanken zur aktuellen Flüchtlingssituation niedergeschrieben.

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