Die Thü­rin­ger Unter­neh­mer­schaft ächzt und lei­det. „In Thü­rin­gen feh­len 3500 Aus­zu­bil­dende“ oder „Dut­zende Lehr­linge feh­len im Land­kreis“ sind die Schlag­zei­len die im Vor­feld der Schul­ab­schluss­phase durch die Thü­rin­ger Presse geistern.

Häu­fig gepaart mit aber­wit­zi­gen Vor­schlä­gen ver­schie­de­ner Unter­neh­mer und deren Reprä­sen­tan­ten, wie man dem Pro­blem Herr wer­den könne. Die Vor­schläge rei­chen von einer bes­se­ren Hil­fe­stel­lung bei der Berufs­ori­en­tie­rung, Kri­tik an der Tat­sa­che, dass es am Anfang der Schul­zeit keine Noten gebe, bis hin zu einer stär­ke­ren Ori­en­tie­rung der Bil­dungs­po­li­tik an unse­rer Leistungsgesellschaft.

Meist fällt kein Wort über die Pro­bleme des drei­glied­ri­gen Schul­sys­tems, dass im Jahr 2011 über 53.000 Schü­ler bun­des­weit ohne Schul­ab­schluss ins Berufs­le­ben ent­ließ. Chan­cen auf dem Arbeits­markt? Ten­die­ren gegen Null! Auch kein Wort dar­über, dass die Haupt­schule von vie­len als gesell­schaft­li­ches Abstell­gleis wahr­ge­nom­men wird, so dass selbst der dor­tige Abschluss die Berufs­chan­cen nur gering­fü­gig erhöht. Ver­schwie­gen wird außer­dem, dass durch Bil­dungs­fö­de­ra­lis­mus der Schul­wech­sel von einem Bun­des­land ins andere und der Ver­gleich von Schul­ab­schlüs­sen unnö­tig erschwert wird. Statt­des­sen las­sen sich die For­de­run­gen der Unter­neh­mer in die Kate­go­rie „Staat hilf uns!“ ein­ord­nen. Bezeich­nend dafür ist, dass Unter­neh­men vom Staat erwar­ten ihm gut aus­ge­bil­dete Arbeits­kräfte zur Ver­fü­gung zu stel­len ohne dabei selbst Ver­ant­wor­tung für die Aus­bil­dung jun­ger Men­schen über­neh­men zu wollen.

Dabei geht es nicht nur um die Bereit­schaft Steu­ern zu zah­len, son­dern auch um die Bereit­schaft Arbeits­be­din­gun­gen zu schaf­fen, die eine Aus­bil­dung in Thü­rin­ger Unter­neh­men attrak­tiv machen. Begin­nend bei der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung hin­ken die Thü­rin­ger Unter­neh­men ihrer west­deut­schen Kon­kur­renz auf allen wich­ti­gen Gebie­ten hin­ter­her. Die Ver­gü­tung hat sich zwar bei Betrie­ben, die nach Tarif­ver­trag bezah­len, in man­chen Bran­chen in Ost- und West­deutsch­land ange­gli­chen. Nicht zuletzt die Tat­sa­che, dass nach der Aus­bil­dung in West­deutsch­land bes­sere Löhne gezahlt wer­den, macht eine Aus­bil­dung außer­halb Thü­rin­gens aber den­noch attrak­tiv. 64 % der Beschäf­tig­ten geben an, in Thü­rin­gen weit­aus schlech­ter bezahlt zu wer­den, als ihre Kol­le­gen in den alten Bun­des­län­dern.* Dabei müs­sen ins­be­son­dere die­je­ni­gen, die in den Rand­ge­bie­ten Thü­rin­gens, an den Gren­zen zu Hes­sen und Nie­der­sach­sen, leben nicht ein­mal ihren Wohn­ort wech­seln, um auf der Son­nen­seite des Lohn­ge­fäl­les zwi­schen Ost und West zu ste­hen. Auch aus die­sem Grund blei­ben Unter­neh­men auf ihren Aus­bil­dungs­plät­zen sitzen.

Neben der bes­se­ren Ver­gü­tung wäh­rend, oder die Aus­sicht auf einer bes­sere Ver­gü­tung nach der Aus­bil­dung, machen auch wesent­lich bes­sere Qua­li­fi­zie­rungs­mög­lich­kei­ten und betrieb­li­che Mit­be­stim­mung die west­li­chen Bun­des­län­der attrak­tiv. Aus­ge­rech­net bei den Beschäf­tig­ten mit klas­si­scher Berufs­aus­bil­dung ist die Lage hier pre­kär. Jeder vierte von ihnen wird über­haupt nicht durch kon­krete Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bote im Betrieb unter­stützt. Außer­dem zeigt sich hier die Rele­vanz betrieb­li­cher Mit­be­stim­mung für betrieb­li­che Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bote. Wäh­rend bei Betrie­ben mit gewähl­ter Inter­es­sen­ver­tre­tung 72 % der Beschäf­tig­ten durch kon­krete Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bote unter­stützt wer­den, sind es bei den Betrie­ben ohne Inter­es­sen­ver­tre­tung ledig­lich 49 % der Beschäftigten.

Grund­sätz­lich bleibt eine Reform des staat­li­chen Bil­dungs­sys­tems unab­ding­bar, wenn es um die Lösung der anfangs skiz­zier­ten Pro­bleme geht. Dem Aus­zu­bil­den­den­man­gel ent­ge­gen zu wir­ken liegt aber ins­be­son­dere in der Ver­ant­wor­tung der Unter­neh­men. Min­dest­löhne, Qua­li­fi­zie­rungs­mög­lich­kei­ten und betrieb­li­che Mit­be­stim­mung könn­ten am ein­fachs­ten von den Unter­neh­men selbst umge­setzt wer­den. Statt­des­sen suchen diese in ers­ter Linie die Schuld bei der staat­li­chen Bildungspolitik,behandeln die genann­ten Lösun­gen für das Aus­zu­bil­den­den­pro­blem, wie Hexen­werk und bekämp­fen diese, wo es nur geht. Auf­grund die­ser Hal­tung ist es nicht nur staat­li­che Auf­gabe, jun­gen Men­schen eine gute Bil­dung zu ermög­li­chen, son­dern auch, durch Min­dest­lohn­po­li­tik und Initia­ti­ven zur Stär­kung betrieb­li­cher Mit­be­stim­mung, Thü­rin­gen zu einem attrak­ti­ven Land für junge Aus­zu­bil­dende und Arbeit­neh­mer zu machen.

* Alle genann­ten Daten stam­men aus dem DGB-Index Gute Arbeit 2011

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