von Marc Emme­rich, stellv. Lan­des­vor­sit­zen­der der Jusos Thüringen

Als die Alli­ier­ten am 27. Januar 1945 Ausch­witz befrei­ten, zeigte sich der Welt­öf­fent­lich­keit das ganze Aus­maß des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völ­ker­mords. Zwi­schen 1941 und 1945 wur­den in deut­schen bzw. von Deut­schen betrie­be­nen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern über 6 Mil­lio­nen Jüd*innen sys­te­ma­tisch und indus­tri­ell ermor­det. Der Anti­se­mi­tis­mus ist keine Erfin­dung der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Die Wur­zeln des ras­sis­tisch begrün­de­ten Anti­ju­da­is­mus rei­chen bis tief ins Mit­tel­al­ter zurück, wo er über­all in Europa auf frucht­ba­ren Boden traf. In der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts wurde Anti­se­mi­tis­mus als poli­ti­sches Pro­gramm offen pro­pa­giert. Anti­se­mi­ti­sche Ver­eine und Par­teien bedien­ten sich ver­brei­te­ter Vor­ur­teile und Ängste. Diese basier­ten teils noch auf anti­jü­di­schem Den­ken des Mit­tel­al­ters, teils wur­den sie kul­tu­rell etwa durch das Motiv des raff­gie­ri­gen und prin­zi­pi­en­lo­sen Juden unter­setzt. Der heute als Bei­spiel einer deut­schen Hoch­kul­tur gefei­erte Richard Wag­ner gilt dabei als einer der Vor­rei­ter des ras­sis­tisch begrün­de­ten Antijudaismus.

Der über Jahr­hun­derte geschürte Juden­hass gip­felte in der Shoah, aber auch nach dem zwei­ten Welt­krieg nah­men anti­se­mi­ti­sche Hal­tun­gen in der Bevöl­ke­rung nicht ab. Zu weit ver­brei­tet und zu fest ver­an­kert waren und sind anti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ments. Bis heute lässt sich vie­ler­orts beob­ach­ten, dass Vor­ur­teile im pri­va­ten, aber auch im öffent­li­chen Raum teils in ver­än­der­ter Form wei­ter­le­ben und die poli­ti­sche Debatte wei­ter bestim­men. Als sich das Allens­bach-Insti­tut 1949 mit der Frage „Ist Deutsch­land anti­se­mi­tisch?“ an die Bevöl­ke­rung wandte, bezeich­ne­ten sich zwar 41% als tole­rant gegen­über Jüd*innen, knüpf­ten das aber daran, dass diese sich „anstän­dig beneh­men“. Anti- und Phi­lo­se­mi­ten las­sen sich auch des­halb nicht klar von­ein­an­der tren­nen, weil beide wil­lent­lich oder unbe­ab­sich­tigt jüdi­sche Vor­ur­teile repro­du­zie­ren. Das zeigt sich zum Bei­spiel, wenn Anti­se­mi­tis­mus auf „Eigen­hei­ten der jüdi­schen Rasse“, ihr „fremd­ar­ti­gen Wesen“, das „Her­aus­for­dernde in ihrem Beneh­men“ etc. zurück­ge­führt wird. Ent­schei­dend ist daher nicht, wie man zu „den Juden“ steht, son­dern dass man „den Juden“ denkt.

Es ist übri­gens egal, ob sich die abge­wer­tete Per­so­nen­gruppe tat­säch­lich zur jüdi­schen Reli­gion bekennt. Die anti­se­mi­ti­sche Vor­stel­lung „des Juden“, ver­bun­de­nen mit allen Zuschrei­bun­gen, ist ein Phan­tasma, das sich aus­schließ­lich in den Köp­fen der Antisemit*innen abspielt und das Bezüge zur Rea­li­tät gezielt ver­mei­det. „Exis­tierte der Jude nicht“, bemerkte Jean-Paul Sartre in sei­nen Über­le­gun­gen zur Juden­frage, „der Anti­se­mit würde ihn erfin­den.“ Auch die Bun­des­re­gie­rung hat in Anleh­nung an die Arbeits­de­fi­ni­tion der Euro­päi­schen Stelle zur Beob­ach­tung von Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit (EUMC) die Mög­lich­keit aus­drück­lich for­mu­liert, dass Men­schen unab­hän­gig von ihrer tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum Ziel anti­se­mi­ti­scher Stim­mungs­ma­che und Gewalt­ta­ten wer­den kön­nen, und mit Blick auf die zuneh­men­den anti­se­mi­ti­schen Straf­ta­ten in Deutsch­land immer noch werden.

Über­haupt bezeich­net Anti­se­mi­tis­mus einen Juden­hass, bei dem reli­giös moti­vier­ter Anti­ju­da­is­mus durch eine pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Ras­sen­theo­rie ersetzt wird, Reli­gion also keine Rolle mehr spielt. Auch wenn mit­tel­al­ter­li­che Res­sen­ti­ments, ange­fan­gen beim Got­tes­mord-Vor­wurf über Hos­ti­en­fre­vel und Ritu­al­mord­le­gen­den, die Phan­tas­men der Antisemit*innen wei­ter beflü­geln: Bedeut­sa­mer wird die Behaup­tung einer jüdi­schen Rasse, die für die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen des ent­ste­hen­den Kapi­ta­lis­mus ebenso ver­ant­wort­lich gemacht wurde, wie über­haupt immer dann, wenn etwas nicht nach Plan ver­lief, eine jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung im Hin­ter­grund die Fäden zog. Im moder­nen Anti­se­mi­tis­mus gip­felte der Hass gegen alles Eman­zi­pa­to­ri­sche und alles Moderne; Anti­se­mi­tis­mus ist Aus­druck rück­wärts­ge­wand­ter und men­schen­ver­ach­ten­der Weltanschauungen.

Seit dem zwei­ten Welt­krieg haben sich die Erschei­nungs­wei­sen von Anti­se­mi­tis­mus ver­viel­fäl­tigt. Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus wan­deln seit Jahr­hun­der­ten ihr Erschei­nungs­bild und sind darum auch nicht immer als sol­che zu erken­nen. So ent­stand absur­der­weise ein Anti­se­mi­tis­mus, der die Juden­feind­schaft mit dem Holo­caust begrün­dete: Die­ser sekun­däre Anti­se­mi­tis­mus wirft Jüd*innen vor, den Holo­caust für sich zu instru­men­ta­li­sie­ren und sich auf die­sem Wege Wie­der­gut­ma­chungs­leis­tun­gen oder andere Vor­ur­teile zu erschlei­chen. Oft wurde und wird der Holo­caust in die­sem Zusam­men­hang rela­ti­viert bzw. gegen andere angeb­lich genauso schreck­li­che Ereig­nisse abge­wo­gen. Zwar steht Holo­caust-Leug­nung nach §130 StGB unter Strafe. Bei­spiele wie die Äuße­run­gen von Björn Höcke zum Holo­caust­mahn­mal in Ber­lin zei­gen aber die Gren­zen einer juris­ti­schen Äch­tung anti­se­mi­ti­scher Denk­mus­ter und Äußerungen.

Sekun­dä­rer Anti­se­mi­tis­mus kann sich auch hin­ter Ansprü­chen gegen Israel ver­ber­gen, etwa indem das Han­deln der israe­li­schen Regie­rung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gleich­ge­setzt wird. Der Vor­wurf lau­tet dann in etwa, Israel und die israe­li­schen Jüd*innen müss­ten aus dem Holo­caust ler­nen. Unbe­ach­tet bleibt, dass das poli­ti­sche Han­deln der israe­li­schen Regie­rung tat­säch­lich eine Lek­tion aus jüdi­schen Ver­fol­gungs­er­fah­run­gen und nicht zuletzt des Holo­caust ist.

Struk­tu­rell äußert sich Anti­se­mi­tis­mus auch in einer fal­schen Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, die sich bei genauer Betrach­tung als bloße Schuld­zu­wei­sung denn als wirk­li­che Kri­tik gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse ent­puppt. Dazu gehört die Unter­schei­dung in raf­fen­des und schaf­fen­des Kapi­tal, aber auch die Gleich­set­zung von Hedgefonds-Manager*innen mit Heu­schre­cken. Struk­tu­rell anti­se­mi­tisch ist diese Kapi­ta­lis­mus­kri­tik des­halb, weil sie auf die­sel­ben Erklä­rungs­mus­ter zurück­greift: Sie schreibt die Schuld für gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen und Wider­sprü­che einer Per­so­nen­gruppe zu und ima­gi­niert die Ange­hö­ri­gen die­ser Gruppe zu Störer*innen einer ansons­ten hei­len Welt. Ver­drängt wird, dass diese ver­meint­lich heile Welt selbst durch­setzt ist mit Ungleich­hei­ten und Wider­sprü­chen, weil dafür nicht ein­zelne Per­so­nen ver­ant­wort­lich sind, son­dern das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem als sol­ches, das heißt wir alle.

Eine wei­tere Vari­ante des Anti­se­mi­tis­mus, die sich vor allem im Umgang mit und der Hal­tung zu Israel zeigt, ist der Anti­zio­nis­mus. Die­sem geht es weni­ger um reli­giöse oder ras­sis­ti­sche Motive, son­dern um glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche und von jener fal­schen Kapi­ta­lis­mus­kri­tik aus argu­men­tie­rende Vor­ur­teile gegen­über Israel. Soli­da­ri­tät mit Paläs­tina geht nicht sel­ten Hand in Hand mit einem zumin­dest unre­flek­tier­ten Ver­hält­nis zur his­to­ri­schen Bedeu­tung von Israel als Lebens­ver­si­che­rung aller Jüd*innen und damit auch zur Bedeu­tung des Holocaust.

Das bedeu­tet nicht, dass eine Kri­tik an der israe­li­schen Poli­tik per se anti­se­mi­tisch und ille­gi­tim ist. Im Gegen­teil, kaum ein Staat wird mehr kri­ti­siert als Israel. Anders als Antizionist*innen gele­gent­lich behaup­ten, gibt es kein all­ge­mei­nes Sprach­ver­bot zur israe­li­schen Poli­tik. Die Vor­stel­lung vom Maul­korb steht viel­mehr in einer Linie mit jenem anti­se­mi­ti­schen Res­sen­ti­ment, das an eine jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung glaubt. Auch wenn die­ser Vor­wurf bereits Sel­ten­heits­wert hat, die Mei­nung man dürfe als Deut­scher nichts gegen Israel sage, ohne sich dem Vor­wurf aus­set­zen zu müs­sen eine per­sön­li­che Schuld am Holo­caust zu tra­gen, ist noch immer weit in der Bevöl­ke­rung ver­brei­tet wie der Thü­rin­gen Moni­tor zeigt.

Umso wich­ti­ger ist es, die Grenze zwi­schen Kri­tik am poli­ti­schen Han­deln und pau­scha­len Anti­se­mi­tis­mus klar zu zie­hen und zu ver­deut­li­chen. Hilf­reich dafür ist zum Bei­spiel der 3‑D-Test für Anti­se­mi­tis­mus, den der ehe­ma­lige israe­li­sche Sozi­al­mi­nis­ter Natan Scha­ran­ski vor­ge­schla­gen hat. Das D steht für die drei Kri­te­rien Dämo­ni­sie­rung, Dop­pel­stan­dards und Dele­gi­ti­mie­rung. Anti­se­mi­tisch wird die Kri­tik an Israel dann, wenn Jüd*innen dämo­ni­siert wer­den, zum Bei­spiel durch Ver­glei­che mit Nationalsozialist*innen oder durch die Bezeich­nung paläs­ti­nen­si­scher Flücht­lings­la­ger als Ausch­witz. In eine anti­se­mi­ti­sche Rich­tung geht die Kri­tik auch dann, wenn sie dop­pelte Stan­dards ansetzt, zum Bei­spiel die israe­li­sche Regie­rung für Hand­lun­gen kri­ti­siert, die in ande­ren Län­dern unbe­ach­tet blei­ben. Das dritte Kri­te­rium, Dele­gi­ti­mie­rung, liegt dann vor, wenn Israel das Exis­tenz­recht abge­spro­chen oder der Staat Israel auf eine Kolo­nie „des Wes­tens“ redu­ziert wird.

Das umso mehr, als anti­se­mi­ti­sche Denk­mus­ter und Hal­tun­gen auch 70 Jahre nach dem Holo­caust noch immer weit ver­brei­tet sind. In der Leip­zi­ger Mitte Stu­die von 2016 mein­ten immer noch 10% der Befrag­ten, dass Juden „etwas Beson­ders und Eigen­tüm­li­ches an sich [haben]“ und „nicht so recht zu uns [pas­sen].“ For­de­run­gen nach kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion und Tabu­brü­che der AfD tra­gen ihr Übri­ges dazu bei, rück­wärts­ge­wandte Ein­stel­lun­gen wie­der salon­fä­hig zu machen. Wenn aus­ge­rech­net in Ber­lin Israel-Flag­gen öffent­lich bren­nen und wenn ein Kon­zert einer jüdi­schen Band genügt, um wie in Jena einen BDS-Demo zu pro­vo­zie­ren, Men­schen es über­haupt legi­tim fin­den wie­der jüdi­sche Pro­dukte zu boy­kot­tie­ren, dann muss uns das eine War­nung sein.

Anti­se­mi­tis­mus lässt sich nur dann wirk­sam bekämp­fen, wenn seine Erschei­nun­gen klar ange­spro­chen und benannt wer­den. Gerade weil nie­mand gegen anti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ments gefeit ist, muss die Lek­tion des Holo­caust für uns auch darin bestehen, unsere eige­nen Denk­mus­ter immer wie­der neu zu hinterfragen.

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