Reflexionen – WBC Summer Camp

Raum. Wir bewegen uns ständig durch Räume. Wir verlassen uns darauf, dass es sie gibt, dass wir sie nutzen, dass wir uns in ihnen bewegen. Kein geschlossener Raum, gesellschaftlicher Raum. Er ist nicht sofort sichtbar und eigentlich habe ich mir bis vor ein paar Tagen nie Gedanken über ihn gemacht. Ich nutze Räume, ich nehme Räume für mich ein. Es gibt Räume, die gehören eher anderen Gruppen, aber es gibt ebenso Räume, die sehr gut zu mir passen: Sei es die Uni, bestimmte Wege in einer Stadt, ein Park, auch Räume meines politischen Arbeitens. Anfang August haben sich Israelis und Israelinnen, Palästinenser*innen und Deutsche für eine Woche in Nordhessen getroffen. Oder: Sie hatten einen gemeinsamen Raum, in dem Gruppen aufeinandertreffen konnten, die sonst selten oder gar nicht aufeinandertreffen. Ein ausgelagerter Raum, raus aus Landesgrenzen und Konfliktzonen. Räume ermöglichen Begegnung. Räume ermöglichen Kommunikation. Räume ermöglichen Lernen und im weitesten Sinne erst Gesellschaft. Wer Räume kontrolliert, kontrolliert all das. Raum ist politisch.

In verschiedenen Workshops stand dann nicht etwa der Konflikt im Vordergrund. Mit den angebotenen Workshops mit Themen wie „Workers Rights“, „Gender Equality“ und „Education“ entstand dennoch ein Raum, um Perspektiven und Wahrnehmungen zu teilen, zu lernen, zu diskutieren. Eingeleitet wurden die Workshops mit Reflexionen zu „Safe Space“, welche in einem „Code of Conduct“ mündeten und Einheiten zum Thema „Gemeinschaft“ – was sie ausmacht, was wir für eine Rolle in ihr spielen. Dieser Beginn war notwendig, um ein Aufeinandertreffen, das durchaus auch von den Teilnehmer*innen als heikel empfunden wurde, möglichst positiv zu gestalten.

Lernen – Vor allem war die verbrachte Woche ein geballtes Lernen. Nicht nur, aber auch in den Workshops, die die Möglichkeit boten sich eine Woche lang intensiv mit einem Thema auseinander zu setzen. Lernen in Gesprächen. Lernen in kulturellem Aufeinandertreffen: Mindestens fünf Länder, darunter hauptsächlich die Sprachen Hebräisch, Arabisch, Deutsch und Englisch. Lernen in sozialen Gruppen – dauerumgeben von einer Gruppe aus bis zu 70 Leuten, volle Zimmer mit irgendwann geregeltem Aufsteh- und Duschablauf, wenig Rückzugsraum. Lernen über den Nahostkonflikt, in Gesprächen, in Diskussionen, in selbstinitiierten Sitzungen zur Besatzung. Das Lernen in nur einer Woche war dabei teilweise so intensiv und komplex, dass kaum Zeit für Einordnungen und Sacken-Lassen blieb, die Teilnehmer*innen durchaus an ihre Grenzen kamen und mit zunehmend verbrachter Zeit auch die Müdigkeit und Anstrengung einsetze. Die Komplexität und die Fülle an Eindrücken wurde abends in Reflexionsgruppen aufgefangen, die sich oft in ein weiteres Zusammensitzen und einen weiteren Austausch entwickelten.

Diese immense Komplexität, inhaltlich, sozial, kulturell, nahm dabei völlig unterschiedliche Formen an und wurde unterschiedlich empfunden, so dass ich nur von denjenigen Eindrücken zu berichten weiß, an denen ich beteiligt war oder die an mich herangetragen wurden. Anfängliches Kennenlernen war oft mit Aussagen wie „Das ist das erste Mal, dass ich jemanden aus Israel treffe“ oder „ich habe sie mir ganz anders vorgestellt, aber wir haben uns sehr gut unterhalten“ verbunden. Während die verschiedenen Gruppen anfangs noch recht getrennt waren, lockerten die Ausflüge, die Workshops und die Abende diese Teilung zunehmend auf: „Gestern habe ich mich noch mit Palästinensern umgeben, heute möchte ich mich zu den Israelis setzen.“ Dabei ermöglichten die Workshops einen Rahmen des Teilens und ein Ermutigen ein Gespräch miteinander zu führen, sich gleichzeitig auch inhaltlich weiterzubilden. Die Frage wie der Konflikt unser Bildungssystem beeinflusst führte in meinem Workshop zu einem ehrlichen und intensiven Austausch, den die Gruppe fast baff und definitiv freudig verließ.

Generell war die verbrachte Woche eine Zeit des Empowerment. Allein die Begegnungen und die Gespräche schenkten den Teilnehmer*innen neue Energie und Ideen für ihre politische Arbeit in ihren Herkunftsländern.

 

von Sophia Othmer, Lina-Sophie Horn

 

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